Niklas Frederik *29.05.2007
Am 28.05. morgens konnte ich mir noch nicht vorstellen, heute mein Kind zu
bekommen, aber so ist das eben mit Kindern von Anfang an: Es kommt immer
alles anders als man denkt. Ich hatte mittags wie die Tage davor ein bisschen
Schleimabgang, diesmal allerdings nicht klar sondern dunkelblutig. Aber es
war so wenig, dass ich mir noch keine Gedanken machte, weil ich ja auch
wusste, dass der Schleimpfropf auch weit vor der Geburt abgehen kann.
Am Nachmittag war ich mit Lara noch zu Fuß auf einem etwas entfernten
Spielplatz (halbe Stunde einfacher Weg) und konnte das aber gut bewältigen.
Als wir wieder zu Hause ankamen hatte ich noch etwas Schleimabgang mit
ein wenig hellem Blut und einen ziemlichen Druck auf meinem Becken, als
würde das Baby seinen Kopf ins Becken drücken. Um 19 Uhr kam dann
Schatzi von der Arbeit nach Hause und wir saßen so am Abendbrottisch
während ich mich darüber beschwerte, wie unangenehm dieser Druck sei und
dass das jetzt hoffentlich keine bleibende Schwangerschaftsbeschwerde
werden solle. Schatzi brachte Lara ins Bett, die sehr müde war und ich saß
noch ein wenig am Rechner. Um 21 Uhr realisierte ich dann, dass der
Druckschmerz ziemlich wehenähnlich kam und ging und habe das sehr
erfreut Schatzi mitgeteilt. Er nahm es aber sehr gelassen, so wie er eben ist:
Wenns kommt, dann kommts. Um 21:30 machte ich dann noch ein
Heublumendampfbad, wie es Stadelmann empfiehlt, weil ich gelesen hatte,
dass das zu Anfang der Wehen eingesetzt helfen soll, das Gewebe
aufzulockern. Um 22:30 konnte ich dann trotz noch sehr sanfter Schmerzen
einschlafen.
Um 0:30 war der Nachtschlaf dann aber vorbei. Nachdem ich von einer gut
erträglichen Wehe geweckt wurde konnte ich einfach nicht mehr
einschlafen. Ich rechnete mir aus, dass es wieder ca. so lange wie bei Lara
dauern würde, vielleicht ein bisschen kürzer. Und damit wären wir dann bis
zum nächsten Mittag beschäftigt gewesen. Also wollte ich Schatzi noch ein
bisschen Schlaf gönnen. Leider konnte ich damit vorerst aber auch mein
Geburtszimmer nicht nutzen, das ja unser Schlafzimmer war. Mit einem
Kirschkernkissen hinten und der Wärmflasche vorne waren die Wehen noch
ganz gut auszuhalten, wenn ich auch schon ein bisschen leise vor mich hin
tönte. Ich machte den Rechner noch mal an, surfte ein bisschen, las mich
durchs Forum. Um 1:45 versuchte ich mich noch mal ins Bett zu legen, weil
ich plötzlich daran denken musste, wie erschöpft ich nach Laras Geburt bzw.
am Ende der Geburt war. Ich konnte aber nicht einschlafen, starrte auf die
Uhr und machte einen Abstand von ca. 7 Minuten zwischen den Wehen aus.
Dann saß ich wieder am Schreibtisch, schrieb die Wehen auf: 1:50, 1:55,
2:02, 2:14, 2:19, 2:23, 2:24. Während der Wehen lief ich jetzt durchs
Wohnzimmer, kreiste mit meiner Hüfte, tönte schon ein bisschen lauter.
Um 2:45 beschloss ich dann nach kurzer Absprache mit Schatzi (er wollte
aber noch weiterschlafen), meine Mutter anzurufen, denn sie sollte ja, wenn
es losgeht, Lara abholen. Sie hatte 2 ½ bis 3 Stunden Fahrtzeit und ich
rechnete mit Laras Aufwachen zwischen 6 und 7. Sie wollte auch sofort
losfahren. Ich hatte schon Laras fertig gepackte Tasche rausgeholt und
wollte noch Griesbrei kochen und ein paar Brote für Lara schmieren. So
stand ich also um 3:00 Uhr in der Küche und rührte im Griesbreitopf während
ich plötzlich die Wehen gar nicht mehr lustig fand. Ich musste mich jetzt
schon immer vor mir aufstützen und Aaaahte vor mich hin.
Um kurz nach 3 habe ich dann ziemlich unsanft Schatzi geweckt, damit er
den Pool voll macht. Ich machte eine CD an und tanzte so singend durchs
Zimmer während Schatzi Eimer schleppte und eine Folie unter das Bettlaken
zog. Um 3:30 habe ich dann das erste Mal meine Hebi angerufen, ihr
berichtet und sie fragte, ob sie kommen solle (sie hat eine halbe Stunde
Fahrtzeit). Ich hatte aber das Gefühl, dass ich die Wehen so mit Schatzis
Hilfe noch eine Weile ganz gut aushalten könne und ich war ja fest
überzeugt, dass die Geburt noch eine ganze Zeit so weiter geht. Um 3:50
gingen mir Schatzis Vorbereitungen langsam auf die Nerven. Wann war er
denn endlich fertig und konnte mir helfen? Die Wehen waren nicht mehr
lustig. Ich veratmete sie jetzt immer im Vierfüßlerstand vor dem Bett
hockend mitten im Weg, den Schatzi mit jedem Eimer auf dem Weg zum Pool
nehmen musste. Ich rief meine Hebi an, sie solle bitte sofort kommen. Das
war ca. um 4:00 Uhr. Ich war völlig fertig mit meiner Geduld, schrie bei
jeder Wehe nach Schatzi, damit er mit seinem ganzen Gewicht auf mein
Kreuz drückte. Dabei reichte das Tönen mir nicht mehr und ich schrie jedes
Mal KOMM RAUS in einem ziemlich weinerlichen Tonfall. Nur so waren die
Wehen noch erträglich, die mich schon fast zu zerreißen schienen.
Gleichzeitig versucht ich ständig, mein Gesicht und die Schultern zu
entspannen, weil ich im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte, dass diese
Muskeln direkt mit dem Beckenboden in Zusammenhang stehen und bei
verspannter Haltung alle Wehen umsonst sein können. Der verzweifelte
Gedanke beherrschte mich, diese schrecklichen Schmerzen noch Stunden
aushalten zu müssen und wollte endlich ins Wasser. Im Nachhinein bin ich
mir ziemlich sicher, dass dies schon die Übergangsphase ankündigte.
4:25 Plötzlich wurden die Wehen wieder deutlich schwächer und ich spürte
schon den Anfang eines Pressdrangs, was mich ziemlich beunruhigte. Ich
wusste, dass man nur bei geöffnetem Muttermund richtig pressen darf und
jammerte vor mich hin.
Gleichzeitig war Lara von meinem Gebrüll aufgewacht und weinte in ihrem
Zimmer voller Panik. Schatzi rannte nach dem nächsten Eimer – total
gestresst, als ich ihn anherrschte, sich doch bitte mal um Lara zu kümmern,
der Pool wäre nicht so wichtig. So hatte Schatzi Lara auf dem Arm und
beruhigte sie im Nebenzimmer, der Pool war erst 2/3 voll und das Wasser
noch zu heiß. Ich rief Schatzi, er solle die Hebi anrufen, ob ich pressen darf,
denn ich hatte wirklich Angst irgendetwas kaputt zu machen. Ich robbte am
Rand des Bettes in Richtung Pool, so dass ich auf Folie kniete – ich wollte ja
nicht den Teppich einsauen – und zog meine Hose halb aus. Am Telefon
meinte die Hebi, sie sei fast da und wenn ich pressen müsste dann könnte ich
das vorsichtig machen. So presste ich bei der nächsten Wehe und merkte
deutlich wie das Baby in den Geburtskanal rutschte und die Fruchtblase
platzte. Glücklicherweise schien nur etwas Fruchtwasser vor dem Köpfchen
gewesen zu sein und so lief nur ein bisschen heraus auf die Folie und meine
Füße. Noch eine Presswehe presste ich so halbwegs mit bis ich endlich die
Türklingel hörte.
Um 4:30 war meine ersehnte Hebi endlich da. Ich jammerte, dass alles blöd
wäre und nicht so wie ich mir das vorgestellt hätte, der Pool noch nicht
fertig war, ich Angst hätte zu pressen und sie hörte sie noch schnell die
Herztöne des Babys ab: Die waren aber in Ordnung und regelmäßig. Während
der ganzen Wehenzeit hatte ich auch oft noch die kleinen Füßchen treten
gefühlt und war mir ziemlich sicher, dass alles in Ordnung war. Sie
untersuchte mich bei der nächsten Presswehe. Das Köpfchen lag im
Geburtskanal. Ich sagte, dass es beim halbherzigen Pressen schon so brannte
und ich Angst hätte, wieder zu reißen. Sie fragt nach dem starken Kaffee,
den wir machen sollten und gerade den hatte ich vergessen. Sie wollte
nämlich den Kaffee auf einer Kompresse für den Dammschutz verwenden. So
schlug sie vor, doch noch in den Pool zu gehen. Ich jammerte vor mich hin,
dass ich mich nicht bewegen könnte, aber dann wollte ich doch ins Wasser.
So veratmete ich halbpressend eine Wehe und stieg in den Pool. Blieb aber
vorn über gebeugt stehen, weil es mir viel zu warm vorkam. Schatzi holte
noch einen Eimer kaltes Wasser und ich presste noch eine Wehe bei der der
Kopf schon deutlich nah ans Ende kam, er rutschte aber wieder ein Stück
zurück. Dann konnte ich mich endlich ins Wasser sinken lassen und merkte
eine deutliche Schmerzerleichterung als das Wasser meinen Bauch berührte.
Die ganze Zeit war ich vorne über gebeugt gewesen und konnte mir auch
keine andere Position vorstellen. Ich brauchte unbedingt etwas Festes zum
Festhalten und so kam auch dann im Pool nur der Rand zum Darauf lehnen in
Frage – das Tuch war mir viel zu wackelig. Nach 2 weiteren Presswehen,
nachdem ich mich endlich überwinden konnte, gegen das Brennen zu
pressen, war der Kopf draußen. Die Hebi passte auf, dass mein Po unter
Wasser blieb (weil ja zu wenig Wasser drin war), aber das schränkte mich
glücklicherweise nicht in meinem Bewegungsdrang ein. Während ich auf die
nächste Wehe wartete bemerkte ich ganz beglückt, dass das Kind sich
bewegte – es ging ihm also auf jeden Fall gut. Während der nächsten
Presswehe musste ich noch mal ziemlich stark pressen um auch die Schultern
herauszubekommen. Während des ganzen Pressens schrie ich ziemlich laut
Ohhhh und Ahhhh – das hat mir sehr geholfen. Als das Baby herausflutschte
schob meine Hebi es zwischen meinen Beinen zu mir und ich war total
überrascht von diesem total mit Käseschmiere bedeckten Säugling, der da
unter mir auftauchte. Es war 5:04. Ich nahm es auf den Arm und setzte mich
an den Rand des Pools. Ganz anders als bei Laras war ich beim Anblick dieses
Babys ganz aufgewühlt und gerührt. Die Hebi fragte, was es denn sei – ich
hatte gar nicht daran gedacht – es war ein Junge.
Schatzi kam mit Lara herein – sie waren auch zwischendurch immer mal
wieder da, aber meine Schreierei war für Lara aus der Nähe nicht ganz so gut
zu ertragen. Lara rief sofort „Mama Baby funden“ und alle mussten lachen.
Auch danach lief sie ganz aufgeregt um den Pool herum, rief „Baby Füße“,
„Baby Hand“ und wollte „Ei“ machen. Ich saß im Pool starrte meinen
unglaublichen Sohn an und wartete dass er anfing zu atmen. Das erste Mal
seit dem Anfang der Geburt war ich etwas verunsichert und sorgte mich,
obwohl ich wusste, dass ein Baby einige Minuten nach der Geburt Zeit hat,
die es noch über die Nabelschnur versorgt wird. Meine Hebi war aber sehr
ruhig und gab mir ein paar Mal während dieser 2-3 Minuten die Nabelschnur
in die Hand, die noch pulsierte. Sie gab ihm ein Globuli und kurz danach rieb
sie ihm ein bisschen was auf den Kopf und dann japste er auch schon nach
Luft. Noch nicht ganz regelmäßig aber immer Mal wieder atmete er und
gewöhnte sich an diese Welt. Wir warteten noch ein paar unschöne
Nachwehen und mit ein bisschen Ziehen an der Nabelschnur, nachdem sie
mich gefragt hatte, ob sie das dürfe, half meine Hebi der Nachgeburt auch
noch auf die Welt.
Dann zog ich mit meinem Sohn auf dem Arm aufs Bett um und wir wurden
schön warm eingepackt.
Ich habe ihn auf beiden Seiten gleich anlegen können (leider begleitet von
fiesen Nachwehen) und nachdem die Hebi die Plazenta neben uns eingepackt
hatte ließ sie mich, den neuen Erdenbewohner, der meine Brust seit der
Geburt nicht verlassen hatte und Schatzi, der es mittlerweile geschafft
hatte, dass Lara wieder schlief, für 1 Stunde allein.
Nachdem dann um 7:15 meine Mutter kam, die im Stau gestanden hatte,
durfte sie abnabeln. Er wurde dann tief schlafend und zufrieden gemessen
und untersucht.
Niklas Frederik wurde um 5:04 Uhr am 29.05.2007 geboren, ist 4090g schwer,
56cm lang und hat einen Kopfumfang von 36cm.
Ich bin an zwei Stellen oberflächlich gerissen, was aber nicht genäht werden
musste und mir nur wenig Beschwerden macht. Auch wenn diese Hausgeburt
überhaupt nicht so meinen Vorstellungen entsprach habe ich keine Sekunde
an eine andere Möglichkeit gedacht. Diese Geburt hat das ganze Trauma der
ersten wieder wettgemacht und ich bin so dankbar, dies erlebt haben zu
dürfen.
